Eine verpasste Chance

Vollbehr im "Biographischen Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck"

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Der Band 13 des bereits 2011 erschienenen Lexikons enthält auf den Seiten 462 bis 469 einen biographischen Artikel über Ernst Vollbehr aus der Feder von Hartwig Molzow. Erstmals wird der Künstler in einem Nachschlagewerk in einer derartigen Ausführlichkeit vorgestellt: Nach genealogischen Angaben folgt ein komprimierter Lebenslauf, der mit einem Quellenverzeichnis (Archive, Nachlass, Werke, Literatur, Porträts) abschließt.

Dem Charakter als fundierter biographischer Abriss wird der Text trotz seiner wissenschaftlichen Anmutung leider nicht gerecht. Schon bei flüchtiger Durchsicht fallen eine Reihe von unexakten, oft sogar grob fehlerhaften Angaben auf. Nachfolgend eine Auswahl:

Vollbehr begann sein Berliner Studium nicht 1896, sondern erst 1897.
Das Studium in Paris konzentrierte sich nicht auf 1902, sondern auf 1904.
Vollbehr erwarb sein Sielbecker Ferienhaus nicht 1907, sondern erst 1909.
Er arbeitete nicht als Autor und Illustrator 1902-1906 bei der Münchner "Jugend", sondern ausschließlich als Illustrator, und zwar zwischen 1902 und 1924.
Vollbehr leitete nicht 1902/03 die Webschule in Laibach, sondern erst 1903/04.
Die Malreisen nach Albanien/Dalmatien erfolgten nicht 1903/04, sondern bereits 1901 nach Dalmatien, 1904 nach Albanien.
Die beiden Malreisen nach Brasilien absolvierte der Künstler nicht 1907/08, sondern ausschließlich 1907. Er war dabei nicht in Begleitung des Kieler Justizrates Dr. Hermann Thomsen.
Vollbehr unternahm nicht vier Malreisen nach Afrika zwischen 1910 und 1914, sondern drei Malexpeditionen zwischen 1909 und 1914.
Seine Palmin-Sammelbilder wurden nicht 1903-1916 veröffentlicht, sondern 1914-1916 und enthielten neben exotischen Motiven auch Impressionen aus dem Ersten Weltkrieg.
Die Südostasienreise war nicht 1924-1927, sondern 1927-1929.
Die Reise nach Ceylon, Indien bis in die USA folgte nicht 1929-1933, sondern erst 1931-1933.
Das Klute-Handbuch umfasste nicht 11, sondern 13 Bände.
Im Zweiten Weltkrieg war Vollbehr nicht nur an polnischen und westlichen Kriegsschauplätzen sowie an der Front zur Sowjetunion zu Gange, sondern auch an der Nordfront (Skandinavien) sowie an der Südfront, bis nach Griechenland einschließlich Kreta.
1946/47 wurde nicht im Hamburgischen Museum für Völkerkunde ausgestellt, vielmehr wurde die geplante Ausstellung durch den Senat abgesagt.
Die Behauptung, Vollbehr hätte den ihm beigelegten Professorentitel selbst nicht verwendet, ist falsch. Viele seiner Briefköpfe beispielsweise schmückte der Vorsatz "Professor".
Der Katalog "Skizzen und Gemälde aus den deutschen Kolonien in Afrika..." erschien nicht um 1908, sondern natürlich erst nach der ersten Afrika-Malreise, 1910.

Der Abgleich mit dem Quellenverzeichnis deutet darauf hin, dass etliche der aufgeführten Archivalien nicht in Augenschein genommen wurden, sondern vor allem Sekundärliteratur ausgewertet wurde. Die Auswahl der aufgeführten Ausstellungen, Zeitschriften- und Zeitungsartikel ist unausgewogen und erscheint zufällig. Dass im Zeitalter des Internets online-Quellen nicht angegeben sind, verwundert sehr.

Informationen aus der schon 2001 angelegten Webseite www.ernst-vollbehr.de wurden offenbar nicht herangezogen oder aber weitgehend ignoriert. Eine Kontaktaufnahme mit dem Webmaster, der für Diskussionen, Ergänzungen und eine kritische Durchsicht des lexikalischen Beitrages gern und kostenfrei bereit gestanden hätte, ist leider niemals erfolgt.

So wurde die Chance vertan, einen rundum wissenschaftlich fundierten Beitrag zu verfassen, der dem Charakter des aufwendig angelegten Lexikons gerecht geworden wäre. Mittlerweile ist die Buchreihe aus Finanzgründen eingestellt worden. Speziell in Sachen Ernst Vollbehr hätten die Kieler Mitarbeiter vermutlich etliche Arbeitstage oder -wochen und erkleckliche Euro-Beträge einsparen können. Warum der extern vorhandene, in privater Forschung angesammelte Sachverstand nicht angezapft wurde, bleibt offen.

K. Schuberth, 20. April 2013